Das Christentum muss neu geboren werden: Warum die Kirche am Scheideweg steht! Das Christentum, das wir heute kennen, könnte nur ein Schatten dessen sein, was noch kommen soll. Die Frage liegt schwer in der Luft, schwer wie die Stille in einem leeren Kirchenraum: Ist das Christentum, wie wir es kennen, wirklich das, was Christus gemeint hat? Das wahre Christentum verlangt das Bekenntnis zu Christus, nicht das konfessionelle Bekenntnis, diese Erkenntnis trifft ins Mark unserer religiösen Gegenwart. Denn wenn wir ehrlich sind, sehen wir eine Kirche in der Krise, Gemeinden, die schrumpfen, und einen Glauben, der oft mehr mit Tradition als mit lebendiger Beziehung zu tun hat.
Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns einer unbequemen Wahrheit stellen: Das Christentum, das wir heute kennen, könnte nur ein Schatten dessen sein, was noch kommen soll.
Die Bibel selbst spricht von dieser Spannung zwischen Echtheit und Fälschung, zwischen reifem Glauben und kindlicher Unreife. Der Apostel Paulus schreibt im ersten Brief an die Korinther eindringlich:
„Und ich, liebe Brüder, konnte nicht mit euch reden als mit geistlichen, sondern als mit fleischlichen Menschen, als mit unmündigen Kindern in Christus. Milch habe ich euch zu trinken gegeben und nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht vertragen. Auch jetzt könnt ihr’s noch nicht“ (1. Korinther 3,1-2). Diese Worte, vor fast zweitausend Jahren geschrieben, könnten aktueller kaum sein. Sie beschreiben einen Zustand geistlicher Unreife, der nicht auf eine bestimmte Epoche beschränkt ist, sondern immer wieder auftreten kann.
Paulus spricht hier von Christen, die zwar glauben, aber noch nicht zur vollen Reife gelangt sind. Sie sind noch abhängig von Milch, von einfacher, leicht verdaulicher Kost, weil sie die feste Speise der tieferen geistlichen Wahrheiten nicht vertragen können. Ist das nicht auch ein Bild für große Teile der heutigen Christenheit? Eine Kirche, die sich mit Ritualen, Strukturen und äußeren Formen begnügt, statt zum Kern vorzudringen?
Die Geschichte des Christentums ist voller Beispiele dafür, wie Menschen versuchten, den Glauben nach ihren eigenen Vorstellungen zu formen. Wir haben Kirchen gebaut, Dogmen formuliert, Hierarchien geschaffen und dabei manchmal vergessen, worum es eigentlich geht: um Christus selbst. „Solus Christus“, allein Christus, war einer der großen Rufe der Reformation.
Martin Luther erkannte im 16. Jahrhundert, dass die Kirche seiner Zeit sich weit von ihrem Ursprung entfernt hatte. Doch auch die Reformation selbst führte nicht zum Paradies, sondern zu neuen Konfessionen, neuen Abgrenzungen, neuen menschlichen Strukturen.
Es scheint, als ob jede Generation aufs Neue lernen muss, dass menschengemachtes Christentum nicht trägt. Wir machten unser Christentum selbst und es fällt in sich zusammen, weil es nicht dem Willen Gottes entspricht, diese Diagnose ist schonungslos, aber notwendig.
Jesus selbst hat uns vor dieser Gefahr gewarnt. In seinem berühmten Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen erzählt er: „Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut“ (Matthäus 13,24-26). Die Arbeiter wollen sofort das Unkraut ausreißen, doch der Hausherr hält sie zurück: „Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune“ (Matthäus 13,30).
Dieses Gleichnis ist von erschütternder Aktualität. Jesus erklärt seinen Jüngern später selbst die Bedeutung: Der gute Same sind die Kinder des Reiches, das Unkraut sind die Kinder des Bösen, und die Ernte ist das Ende der Welt (Matthäus 13,37-39). Was bedeutet das für uns heute? Es bedeutet, dass innerhalb dessen, was sich Christentum nennt, Echtes und Falsches nebeneinander existieren. Nicht alles, was christlich aussieht, ist es auch. Nicht jede Kirche, die den Namen Christi trägt, repräsentiert wirklich seinen Geist.
Noch drastischer ist das Bild vom Gericht über die Völker, das Jesus in Matthäus 25 beschreibt. „Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken“ (Matthäus 25,31-33). Die Trennung von Schafen und Böcken ist kein sanftes Sortieren, sondern ein ernsthafte Scheidung.
Interessant ist, dass in diesem Gleichnis nicht gefragt wird, zu welcher Konfession jemand gehörte oder welche theologischen Lehren er kannte, sondern ob er Christus in den Geringsten gedient hat. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40). Das wahre Christentum zeigt sich nicht in korrekten kirchlichen Bekenntnissen, sondern in gelebter Liebe und im Bekenntnis zu Christus Jesus.
Diese Trennung, diese Scheidung ist nicht willkürlich, sondern notwendig. Der Prophet Maleachi kündigte bereits im Alten Testament an: „Siehe, ich will meinen Boten senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht; und der Engel des Bundes, den ihr begehrt, siehe, er kommt!, spricht der HERR Zebaoth. Wer wird aber den Tag seines Kommens ertragen können, und wer wird bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer eines Schmelzers und wie die Lauge der Wäscher. Er wird sitzen und schmelzen und das Silber reinigen, er wird die Söhne Levi reinigen und läutern wie Gold und Silber“ (Maleachi 3,1-3).
Gott kommt nicht, um das Bestehende zu bestätigen, sondern um zu reinigen. Wie ein Schmelzer erhitzt er das Metall, damit die Schlacke sich vom reinen Silber trennt. Dieser Prozess ist schmerzhaft, aber notwendig. Das falsche Christentum, das menschengemachte, das voller Kompromisse und Halbheiten steckt, muss vergehen, damit das Echte sichtbar werden kann.
Der Hebräerbrief nimmt diesen Gedanken auf und ermutigt zur Reife: „Denn jeder, der noch mit Milch genährt wird, ist unerfahren im Wort der Gerechtigkeit, denn er ist ein kleines Kind. Feste Speise aber ist für die Vollkommenen, die durch den Gebrauch geübte Sinne haben und Gutes und Böses unterscheiden können“ (Hebräer 5,13-14). Reife bedeutet hier nicht akademisches Wissen oder lange Kirchenzugehörigkeit, sondern die Fähigkeit, Gutes von Bösem zu unterscheiden. Es bedeutet, nicht mehr jeder religiösen Mode hinterherzulaufen, sondern fest gegründet zu sein in der Wahrheit. Es bedeutet, nicht mehr zu fragen, was die Tradition sagt oder was die Konfession vorschreibt, sondern: Was will Christus?
„Solus Christus“, allein Christus, das ist der Ruf, der durch die Jahrhunderte hallt und heute wieder gehört werden muss. Nicht Luther allein, nicht Calvin allein, nicht der Papst allein, nicht irgendeine kirchliche Autorität, sondern Christus allein ist der Grund und das Ziel unseres Glaubens.
Der Apostel Paulus schreibt unmissverständlich: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1. Korinther 3,11). Alles andere ist menschliches Beiwerk, das im Feuer der Prüfung verbrennen wird. „Eines jeden Werk wird offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird’s klar machen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen“ (1. Korinther 3,13). Wie viel von dem, was wir Kirche nennen, wird diesen Test bestehen?
Die Krisen, die wir heute erleben, der Mitgliederschwund, die Skandale, die Bedeutungslosigkeit der Kirche in vielen Gesellschaften, sind vielleicht nicht das Ende, sondern der Anfang. Vielleicht muss das Alte wirklich sterben, damit das Neue wachsen kann. Jesus selbst sagte: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12,24). Sterben, um zu leben. Loslassen, um zu empfangen. Das ist das Paradox des Evangeliums. Vielleicht muss das institutionalisierte, verkrustete, machtorientierte Christentum sterben, damit der lebendige Glaube wieder Raum gewinnen kann.
Das echte Christentum liegt noch vor uns, diese Aussage ist keine Resignation, sondern Hoffnung. Sie bedeutet nicht, dass zweitausend Jahre Kirchengeschichte wertlos waren, aber sie erkennt an, dass die Vollendung noch aussteht. Der Apostel Johannes schreibt: „Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1. Johannes 3,2). Das große, wahre Christentum ist eschatologisch, es liegt in der Zukunft, wenn Christus wiederkommt und alles neu macht. Aber diese Zukunft wirft schon jetzt ihren Schatten voraus. Wir können heute schon beginnen, anders zu leben, echter zu glauben, radikaler zu lieben.
Was bedeutet das konkret? Es bedeutet, dass wir aufhören müssen, uns an Äußerlichkeiten zu klammern. Es bedeutet, dass Denominationen und Konfessionen ihre trennende Macht verlieren müssen. Es bedeutet, dass wir nicht mehr fragen sollten: „Bist du katholisch, evangelisch, freikirchlich?“, sondern: „Folgst du Christus?“ Es bedeutet, dass Strukturen dienen müssen, nicht herrschen. Es bedeutet, dass Theologie den Glauben erklären soll, nicht ersetzen. Es bedeutet, dass Kirche nicht ein Gebäude oder eine Institution ist, sondern die Gemeinschaft derer, die Christus nachfolgen.
Jesus fasste das Wesentliche in einem Gebot zusammen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Matthäus 22,37-40). Alles andere ist Kommentar.
Das wahre Christentum braucht keine komplizierten Dogmen und keine undurchdringlichen Hierarchien. Es braucht Menschen, die Gott von ganzem Herzen lieben und diese Liebe weitergeben.
Die Zeiten der Krise sind auch Zeiten der Reinigung. Was nicht trägt, wird offenbar. Was nicht von Gott ist, fällt. Was Menschenwerk ist, zerbricht. Aber was von Christus ist, bleibt. „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen“, sagt Jesus (Matthäus 24,35).
In dieser Gewissheit können wir getrost sein. Das Christentum der Zukunft wird vielleicht ganz anders aussehen als das, was wir kennen. Es wird vielleicht kleiner sein, aber echter. Weniger mächtig, aber glaubwürdiger. Weniger sichtbar, aber wirksamer. Und es wird eines sein: Christuszentriert. Denn am Ende zählt nur eins: „Solus Christus“, Christus allein.
Ihr Pater Berndt