Es gibt wenige Krisen, die so tiefgreifend und zerstörerisch für die Kirche sind wie die Krise im Pfarramt. Doch die Folgen sind fatal. Wo die biblische Wahrheit geleugnet wird, verdorrt das geistliche Leben.
Wenn diejenigen, die berufen sind, das Evangelium zu verkündigen, stattdessen die Grundlagen des christlichen Glaubens infrage stellen oder gar offen leugnen, dann steht nicht weniger auf dem Spiel als die Zukunft der Kirche selbst. Was in den theologischen Fakultäten der Universitäten als akademische Freiheit begann, hat längst die Kanzeln erreicht.
Pfarrerinnen und Pfarrer, die in ihrer Ausbildung gelernt haben, die Bibel kritisch zu hinterfragen statt gläubig anzunehmen, predigen nun einer verunsicherten Gemeinde eine entkernte Botschaft. Die Jungfrauengeburt wird zur Legende, die Auferstehung zur Metapher, die Sünde zum psychologischen Problem und Jesus Christus zum ethischen Vorbild, aber nicht zum Retter.
Das ist keine Übertreibung. Das ist die Realität in vielen Kirchen, und die Folgen sind verheerend.
Die Bibel selbst warnt eindringlich vor dieser Gefahr. Der Apostel Paulus schreibt seinem Mitarbeiter Timotheus: „Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren.“ (2. Timotheus 4,3-4).
Diese Warnung ist nicht theoretisch. Wir leben längst in der Zeit, von der Paulus hier spricht. Sie beschreibt eine reale Versuchung, die in jeder Generation der Kirche auftaucht. Menschen wollen eine Botschaft hören, die zu ihrer Zeit, ihrer Kultur, ihrem Lebensstil passt. Und es wird immer Lehrer geben, die bereit sind, diese Botschaft zu liefern, auch wenn sie der biblischen Wahrheit widerspricht. Die liberale Theologie ist genau das: ein Versuch, das Christentum an die moderne Welt anzupassen, statt die moderne Welt mit dem Anspruch Christi zu konfrontieren.
Die Wurzeln dieser Entwicklung liegen in den Universitäten. Seit der Aufklärung hat sich eine Form der Theologie etabliert, die nicht mehr von der Autorität der Heiligen Schrift ausgeht, sondern von der Autonomie der menschlichen Vernunft. Die Bibel wird nicht mehr als Gottes offenbartes Wort behandelt, sondern als ein historisches Dokument, das mit denselben kritischen Methoden untersucht wird wie jeder andere antike Text. Das klingt zunächst wissenschaftlich und fortschrittlich.
Doch die Folgen sind fatal. Wenn die Bibel nicht mehr absolut zuverlässig ist, wenn sie Irrtümer enthalten kann, wenn ihre Aussagen kulturell bedingt und damit relativierbar sind, dann gibt es keine feste Grundlage mehr für den Glauben. Dann wird jeder zu seinem eigenen Richter darüber, was in der Bibel wahr und was überholt ist. Und genau das geschieht heute in erschreckendem Ausmaß.
Diese Entwicklung hat eine tiefgreifende geistliche Verschiebung ausgelöst. Wenn die Autorität der Heiligen Schrift fällt, entsteht zwangsläufig ein Vakuum – und dieses wird heute vom individuellen Empfinden gefüllt. Jeder darf sein eigener Papst sein, der selbst bestimmt, was wahr ist und was nicht.
Maßstab ist nicht mehr das geoffenbarte Wort Gottes, sondern das eigene Gefühl, die eigene Lebenswirklichkeit, die eigene Sicht der Dinge. Und so wird die Bibel nicht mehr als Richter über unser Denken gehört, sondern als ein Text, der sich unseren Bedürfnissen anzupassen hat. Heute geht es nicht mehr um Wahrheit, sondern um Befindlichkeiten. Und selbst Gott hat sich – in der Wahrnehmung vieler – diesen Befindlichkeiten unterzuordnen. Damit aber verliert der Glaube seine Mitte, seine Kraft und seine Verbindlichkeit.
Jesus selbst hat vor falschen Propheten gewarnt: „Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Matthäus 7,15-16). Falsche Propheten kommen nicht mit Hörnern und mit offenem Angriff. Sie kommen im Gewand der Frömmigkeit, mit theologischen Titeln und kirchlichen Ämtern.
Sie sprechen die Sprache der Bibel, aber sie meinen etwas anderes. Sie reden von Gott, aber nicht von dem Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Sie sprechen von Liebe, aber nicht von der Liebe, die am Kreuz für unsere Sünden gestorben ist. Die Früchte, an denen man sie erkennen kann, sind deutlich: Gemeinden, die keine lebendige Beziehung zu Christus haben, eine Verkündigung ohne Kraft, ein Glaube ohne Gewissheit, eine Kirche ohne Mission. Wo die biblische Wahrheit geleugnet wird, verdorrt das geistliche Leben.
Und dieses verdorrte geistliche Leben ist heute vielerorts zu sehen. Man muss nur mit offenen Augen durch die Gemeinden gehen: geistliche Müdigkeit, fehlende Klarheit, ein Glaube ohne Kraft und ohne Gewissheit.
Schon höre ich die Einwände: „Pastoren sind doch keine falschen Propheten! Das darf man nicht sagen! Das wäre eine pauschale Verurteilung, das steht niemandem zu.“ Aber ist es wirklich so einfach? Jesus selbst hat die Gemeinde dazu aufgerufen, die Früchte zu prüfen – nicht die Titel, nicht die Ämter, nicht die äußere Frömmigkeit. Es geht nicht darum, Menschen zu verurteilen, sondern darum, die geistliche Realität zu erkennen.
Wenn eine Verkündigung nicht mehr zu Christus führt, wenn sie nicht mehr zur Umkehr ruft, wenn sie nicht mehr das Kreuz in den Mittelpunkt stellt, dann ist es legitim und notwendig, die Frage zu stellen, ob hier noch die Stimme des guten Hirten spricht oder eine andere Stimme, die sich fromm anhört, aber nicht zu Leben führt.
Ein besonders tragisches Beispiel dafür ist die Leugnung der Auferstehung. Paulus macht in seinem ersten Brief an die Korinther unmissverständlich klar, was auf dem Spiel steht: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden“ (1. Korinther 15,14-17).
Diese Worte lassen keinen Spielraum für theologische Kompromisse. Die Auferstehung ist keine nebensächliche Glaubensfrage, über die man unterschiedlicher Meinung sein kann. Sie ist das Fundament des christlichen Glaubens. Ohne die leibliche Auferstehung Jesu gibt es kein Christentum. Wer die Auferstehung leugnet oder umdeutet, der verkündigt nicht mehr das Evangelium, sondern eine menschliche Philosophie.
Doch genau das geschieht in vielen Kirchen. Die Auferstehung wird zur inneren Erfahrung umgedeutet, zu einem Symbol für Neuanfang oder zu einer Metapher für die Kraft der Liebe. Das mag poetisch klingen, aber es ist nicht das, was die Apostel verkündigt haben. Sie haben bezeugt, dass Jesus leiblich von den Toten auferstanden ist, dass das Grab leer war, dass er gegessen und getrunken hat, dass man ihn berühren konnte. Petrus predigt in der Apostelgeschichte: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen“ (Apostelgeschichte 2,32).
Die erste Gemeinde wurde nicht durch eine Idee oder eine Ethik gegründet, sondern durch die Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Eine Verkündigung, die diese Tatsache verleugnet, ist keine christliche Verkündigung mehr. Und doch muss berechtigterweise gefragt werden, warum die evangelische Kirche Pastoren in das Amt ordiniert, die die Auferstehung leugnen – und warum diejenigen, die es von der Kanzel verkündigen, nicht ihres Amtes enthoben werden. Hier macht sich die Kirche mitschuldig. Denn wer das Fundament des Evangeliums preisgibt, zerstört die Grundlage des Glaubens, die er eigentlich schützen soll.
Evangelische Freiheit hin oder her: Sie darf niemals dazu führen, dass die zentrale Wahrheit des christlichen Glaubens – die leibliche Auferstehung Jesu Christi – zur Meinungssache erklärt wird. Freiheit ohne Wahrheit ist Beliebigkeit. Und Beliebigkeit ist kein Evangelium. Eine Kirche, die das Herzstück ihrer eigenen Botschaft relativiert, verliert ihre geistliche Autorität und ihren Auftrag. Sie kann sich dann auch nicht mehr Kirche nennen.
Die Ursache für diese Entwicklung liegt oft in einem falschen Verständnis von Wissenschaft und Glauben. Viele Theologen glauben, sie müssten das Christentum vor den kritischen Fragen der modernen Welt retten, indem sie es den Maßstäben der Wissenschaft anpassen. Doch dabei übersehen sie, dass Glaube und Wissenschaft unterschiedliche Erkenntnisräume haben. Die Naturwissenschaft kann beschreiben, wie die Welt funktioniert, aber sie kann nicht beantworten, warum es die Welt gibt, welchen Sinn das Leben hat oder was nach dem Tod kommt. Das sind Fragen, die nur durch Offenbarung beantwortet werden können.
Paulus schreibt: „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft“ (1. Korinther 1,18). Das Evangelium ist für den natürlichen Verstand eine Torheit. Es passt nicht in die Logik der Welt. Aber genau darin liegt seine Kraft. Wer das Evangelium an die Vernunft der Welt anpasst, beraubt es seiner göttlichen Kraft.
Die liberale Theologie hat verheerende Auswirkungen auf die Gemeinden. Eine Verkündigung ohne klare biblische Grundlage hinterlässt orientierungslose Christen. Wenn von der Kanzel herab gesagt wird, dass man nicht wirklich wissen kann, was Jesus gesagt hat, dass die Wunder vielleicht nur Legenden sind, dass die Bibel voller Widersprüche ist, dann fragt man sich zu Recht: Warum sollte ich dann überhaupt noch glauben? Warum sollte ich mein Leben auf ein Buch gründen, das nicht vertrauenswürdig ist? Warum sollte ich einer Kirche folgen, die selbst nicht mehr weiß, woran sie glaubt?
Die Antwort vieler Menschen ist: Sie tun es nicht mehr. Die Kirchenaustritte in den von liberaler Theologie geprägten Kirchen sprechen eine deutliche Sprache. Menschen verlassen nicht die Kirche, weil sie zu viel Christus verkündigt, sondern weil sie zu wenig Christus verkündigt.
Der Prophet Jeremia klagte bereits im Alten Testament über Hirten, die das Volk Gottes in die Irre führten: „Weh den Hirten, die die Herde meiner Weide umkommen lassen und zerstreuen! spricht der HERR. Darum spricht der HERR, der Gott Israels, gegen die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Herde zerstreut und verstoßen und nicht nach ihr gesehen. Siehe, ich will euch heimsuchen um eures bösen Treibens willen, spricht der HERR“ (Jeremia 23,1-2).
Hirten haben eine Verantwortung. Sie sind nicht Herren über die Herde, sondern Diener. Ihre Aufgabe ist es, die Herde zu nähren, zu schützen und zu leiten. Wenn sie stattdessen die Herde irreführen, indem sie falsche Lehre verkündigen, dann werden sie von Gott zur Rechenschaft gezogen. Das ist eine ernste Warnung an alle, die in der Kirche Leitungsverantwortung tragen.
Doch die Tragik geht noch tiefer. Viele Pastoren glauben ja gar nicht mehr an ein Leben nach dem Tod. Wenn aber die Hoffnung der Auferstehung fehlt, fehlt auch die Furcht vor dem Gott, vor dem wir eines Tages stehen und Rechenschaft geben müssen. Mangelnde Gottesfurcht ist kein kleines Problem, sondern die Wurzel vieler geistlicher Fehlentwicklungen.
Wer nicht mehr damit rechnet, dass der Hirte selbst seine Hirten richten wird, verliert die heilige Ernsthaftigkeit des Amtes. Dann wird Verkündigung zu Meinung, Seelsorge zu Psychologie, Gemeinde zu Verein. Doch Jeremia erinnert uns: Gott sieht, Gott hört, Gott richtet. Und jeder Hirte, der die Herde in die Irre führt, wird sich vor dem Herrn verantworten müssen.
Zugleich beschreibt Gott durch Jeremia seine Verheißung: „Und ich will euch Hirten geben nach meinem Herzen, die euch weiden sollen mit Weisheit und Verstand“ (Jeremia 3,15). Gott gibt nicht auf. Auch wenn menschliche Hirten versagen, wird Gott selbst für sein Volk sorgen. Er wird Hirten erwecken, die treu sind, die sein Wort verkündigen, die die Gemeinde nicht nach eigenen Ideen formen, sondern nach Gottes Willen. Diese Verheißung gilt auch heute. Gott ruft immer noch Menschen in den Dienst, die bereit sind, treu zu sein, auch wenn es unbequem ist, auch wenn sie dafür kritisiert werden, auch wenn sie als fundamentalistisch oder rückständig bezeichnet werden.
Was bedeutet das konkret für Gemeinden, die unter liberaler Verkündigung leiden? Erstens: Prüft die Geister. Der Apostel Johannes schreibt: „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt“ (1. Johannes 4,1). Christen haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, die Verkündigung an der Heiligen Schrift zu messen. Wenn von der Kanzel Dinge gesagt werden, die der Bibel widersprechen, dann darf und muss das angesprochen werden.
Zweitens: Sucht gesunde Lehre. Paulus ermahnt Timotheus: „Halte dich an das Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe in Christus Jesus“ (2. Timotheus 1,13). Es gibt sie noch, die Verkündigung, die der Bibel treu bleibt. Es gibt Gemeinden und Pastoren, die das Wort Gottes ernst nehmen. Sucht sie und stärkt sie. Betet für sie!
Drittens: Betet für eure Hirten. Auch Pfarrer sind Menschen, die verführt werden können, die unter Druck geraten, die Fehler machen. Betet, dass Gott sie bewahrt und ihnen Weisheit gibt. Darum: Betet für eure Hirten, dass sie die Kraft haben, im Wort Gottes zu bleiben – egal, was die Welt da draußen sagt.
Der Druck, sich dem Zeitgeist anzupassen, ist groß. Die Versuchung, das Evangelium zu glätten, zu verkürzen oder zu relativieren, ist real. Doch ein Hirte kann nur dann Hirte sein, wenn er sich selbst vom Wort Gottes nähren lässt und darin verwurzelt bleibt. Betet, dass Gott ihnen Mut schenkt, die Wahrheit zu verkündigen, auch wenn sie unbequem ist; dass er ihre Herzen fest macht, wenn sie angefochten werden; dass er sie bewahrt vor der Angst vor Menschen und ihnen die heilige Gottesfurcht schenkt, die allein trägt.
Denn ein Hirte, der im Wort bleibt, wird auch die Herde im Wort halten – und das ist heute nötiger denn je.
Die Krise der liberalen Theologie ist keine akademische Debatte. Sie betrifft das Herz der Kirche und das ewige Heil von Menschen. Wenn die Verkündigung nicht mehr rettet, weil sie nicht mehr von dem Retter spricht, dann ist die Kirche ihrer Berufung untreu geworden.
Paulus schreibt: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben“ (Römer 1,16). Das Evangelium ist Kraft. Aber nur das echte, unverfälschte Evangelium. Nicht eine menschliche Erfindung, nicht eine kulturell angepasste Version, sondern die Botschaft von Jesus Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn.
Diese Botschaft braucht die Welt. Und diese Botschaft muss die Kirche verkündigen, koste es, was es wolle.
Ihr Pater Berndt