Kennst du die Bibel? Sogar vieles daraus auswendig? Kennst du auch Jesus? Kennt er dich? Man kann die ganze Bibel kennen und doch Jesus nicht kennen. Es gibt Menschen, die kennen ganze Bibelpassagen auswendig.
Sie können Psalmen zitieren, die Bergpredigt aufsagen und theologische Fachbegriffe erklären. Sie sind in Gemeinden aktiv, leiten Bibelstunden, sprechen Gebete. Und dennoch stellt sich die Frage: Kennen sie wirklich Jesus? Oder kennen sie nur Worte über ihn? Diese Frage ist nicht neu. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Heilige Schrift und berührt den Kern dessen, was Glauben eigentlich bedeutet. Jesus selbst hat diese beunruhigende Möglichkeit in seiner Bergpredigt angesprochen.
In Matthäus 7,21-23 sagt er: „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen böse Geister ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!“
Diese Worte sind schockierend. Menschen, die in Jesu Namen gepredigt, Dämonen ausgetrieben und Wunder gewirkt haben, stehen am Ende vor verschlossenen Türen. Nicht weil sie nichts getan hätten, sondern weil Jesus sie nicht kennt. Das entscheidende Wort hier ist „gekannt“. Es geht nicht um religiöse Aktivitäten oder theologisches Wissen. Es geht um eine persönliche Beziehung.
„Ich habe euch noch nie gekannt“, das ist kein Urteil über mangelnde Bibelkenntnis. Es ist die Feststellung einer fehlenden Beziehung. Man kann alle richtigen Dinge tun und dabei die wichtigste Sache verfehlen: die lebendige Verbindung zu Christus selbst. Diese Warnung richtet sich nicht an offensichtliche Sünder oder Menschen, die sich vom Glauben fernhalten. Sie richtet sich an religiöse Menschen, an Aktive, an solche, die öffentlich im Namen Jesu auftreten. Das macht sie umso eindringlicher für jeden, der sich Christ nennt.
Das gilt in besonderer Weise auch für die Kirche unserer Zeit, die sich mit großem Einsatz für soziale Gerechtigkeit, für die Würde jedes Menschen und für den Schutz derer starkmacht, die gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden, wie zum Beispiel für die (LGBTQ+) Menschen. All dies ist wichtig, notwendig und Ausdruck echter Nächstenliebe. Doch es bleibt unvollständig, wenn Christus selbst nicht das Zentrum bildet.
Eine Kirche kann sich für Menschenrechte engagieren, für Ausgegrenzte eintreten, für Versöhnung werben; und dennoch geistlich ausgehöhlt sein, wenn sie den lebendigen Herrn nur noch als historische Gestalt oder moralisches Symbol führt. Wo Christus nicht mehr als der Gekannte, der Gegenwärtige, der Herr der Gemeinde verehrt wird, dort verliert selbst das edelste Tun seine innere Kraft.
Denn die Kirche lebt nicht aus ihren Programmen, sondern aus der Beziehung zu dem, der sie berufen hat. Ohne ihn wird jedes Werk; so gut es auch gemeint sein mag; zu einer Bewegung ohne Herzschlag, zu einer Stimme ohne Quelle, zu einem Licht ohne Feuer. Was bedeutet es dann, Jesus wirklich zu kennen? Die Bibel gibt darauf eine klare Antwort. Es geht nicht primär um Wissen, sondern um Beziehung. Der Apostel Johannes schreibt in seinem ersten Brief: „Und daran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: »Ich habe ihn erkannt«, und hält doch seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in einem solchen ist die Wahrheit nicht“ (1. Johannes 2,3-4).
Johannes macht deutlich: Wahres Kennen zeigt sich daran, dass wir seine Gebote halten und auch danach leben. Wirklich zu wissen, was Jesus sagt, heißt noch lange nicht, schon so zu leben. Das Kennen seiner Gebote will in den ganz normalen Situationen des Tages Gestalt gewinnen. Man merkt, ob jemand Christus kennt, nicht daran, wie viele Bibelstellen er zitieren kann, sondern daran, wie er sich verhält, wenn das Leben ihn herausfordert.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Wenn ich weiß, dass Jesus zur Vergebung ruft, dann zeigt sich dieses Wissen nicht in einem schönen Gedanken, sondern darin, dass ich dem Menschen, der mich verletzt hat, nicht aus dem Weg gehe, sondern ihm mit einem offenen Herzen begegne. Oder wenn ich weiß, dass Jesus zur Wahrhaftigkeit ruft, dann wird dieses Wissen sichtbar, wenn ich im Gespräch nicht über andere lästere, sondern bewusst Worte wähle, die aufbauen. So wird das, was ich aus der Bibel kenne, Schritt für Schritt zu einem gelebten Glauben.
Genau dort, mitten im Alltag, zeigt sich, ob ich Jesus wirklich kennen; oder ob ich ihn nur kenne wie man eine Idee kennt, ohne dass sie mein Leben verändert.
Dieses „Kennen“ ist in der Bibel mehr als bloßes Wissen. Im Hebräischen und Griechischen bezeichnet das Wort für „kennen“ oft eine tiefe, persönliche und intime Beziehung. Wenn die Schrift sagt, dass Adam Eva „erkannte“, geht es um die tiefste Form menschlicher Verbundenheit. Genauso meint das biblische Kennen Gottes eine Beziehung, die das ganze Leben erfasst, das Denken, Fühlen und Handeln prägt. Es ist nichts, das man sich aneignet, sondern eine Gemeinschaft, in die man hineinwächst und die man Tag für Tag lebt.
Die Gefahr, die Bibel zu kennen ohne Jesus zu kennen, ist keine moderne Erfindung. Schon im Alten Testament warnt Gott sein Volk davor, religiöse Formen zu pflegen, während das Herz fern bleibt. Der Prophet Jeremia übermittelt eine Verheißung Gottes an das verbannte Volk Israel: „Und sucht ihr mich, so werdet ihr ⟨mich⟩ finden, ja, fragt ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir“ (Jeremia 29,13). Gott will gefunden werden, aber er will von ganzem Herzen gesucht werden. Nicht mit halbem Engagement, nicht mit religiöser Routine, sondern mit dem ganzen Leben.
Diese Spannung zeigt sich auch bei denen, die sich selbst als „bibeltreu“ bezeichnen und mit großer Sorgfalt auf jedes Wort, jeden Satzbau, jeden Strich achten. Doch Treue zur Schrift ist mehr als akribische Genauigkeit; sie ist ein Herz, das sich von Christus formen lässt. Man kann die Bibel bis ins Detail kennen und dennoch im Umgang mit Geschwistern hart, kalt oder unbarmherzig sein. Dann wird das Wort, das eigentlich Leben schenken soll, zu einer Art geistlicher Rüstung, hinter der man sich verschanzt. Sie kennen die Texte, aber ihr Herz ist nicht von Jesus berührt.
Wahre Treue zeigt sich nicht zuerst im korrekten Zitieren, sondern darin, wie wir dem Bruder begegnen, der strauchelt, oder der Schwester, die müde geworden ist. Wo das Herz nicht von Christus erfüllt ist, bleibt selbst die genaueste Bibelkenntnis ohne Wärme; ein Licht, das zwar leuchtet, aber nicht wärmt. Genau dort entscheidet sich, ob wir die Schrift nur studieren oder ob wir den Herrn kennen, der durch sie zu uns spricht.
Was heißt das konkret? Ein Mensch kann sich durch die ganze Bibel arbeiten, jedes Detail erforschen und viele Predigten hören – und dennoch Jesus nicht kennen, wenn sein Herz ihm verschlossen bleibt. Man kann über Rechtfertigung sprechen und doch nie die befreiende Kraft der Vergebung im eigenen Herzen gespürt haben. Man kann über Heiligung lehren und dennoch dem Wirken des Heiligen Geistes im eigenen Leben ausweichen. Man kann über Liebe predigen und im Alltag hart, ungeduldig oder verletzend sein.
Die Pharisäer zur Zeit Jesu waren Experten der Schrift. Sie kannten jedes Gebot, jede Auslegung, jede Tradition. Und doch übersahen sie den Messias, als er direkt vor ihnen stand. Ihr umfassendes Wissen wurde ihnen zum Stolperstein, weil es sie in eine gefährliche Selbstsicherheit führte. Sie hatten Gott in ihre theologischen Raster eingeordnet – und bemerkten nicht einmal, dass der lebendige Gott selbst zu ihnen sprach.
Jesus sagte zu diesen Schriftgelehrten einmal: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet“ (Johannes 5,39-40).
Die Schrift sollte zu Jesus führen, aber sie blieb bei der Schrift stehen. Sie studierten die Landkarte, ohne je die Reise anzutreten. Das ist die Gefahr jeden Bibelstudiums: dass es zum Selbstzweck wird, zur intellektuellen Beschäftigung, zur religiösen Pflichtübung. Die Bibel selbst will aber mehr. Sie will Wegweiser sein zu dem, der das Leben ist.
Das wohl bekannteste Wort der Bibel fasst diese Wahrheit zusammen. In Johannes 3,16 steht: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Hier geht es nicht um Bibelwissen. Es geht um Glauben. Um das Vertrauen in eine Person. Um die Annahme dessen, was Gott in Christus getan hat. Man kann diesen Vers auswendig kennen, ohne je geglaubt zu haben. Man kann ihn tausendmal gehört haben, ohne sich je auf diese Liebe eingelassen zu haben.
Glauben bedeutet in diesem Sinne: sich Jesus anvertrauen. Nicht nur Fakten über ihn für wahr halten, sondern sich ihm persönlich öffnen, ihm das eigene Leben übergeben, auf seine Gnade bauen. Dieser Glaube verändert. Er bleibt nicht im Kopf, sondern erfasst das Herz und zeigt sich im Leben. Johannes schreibt weiter: „Wer sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist“ (1. Johannes 2,6). Jesus kennen heißt, ihm nachfolgen. Nicht perfekt, aber ehrlich. Nicht ohne Fehler, aber in einer Grundrichtung des Lebens, die von ihm geprägt ist.
Es lohnt sich, an dieser Stelle innezuhalten und sich selbst zu prüfen. Kenne ich die Bibel? Ja, vielleicht. Aber kenne ich Jesus? Habe ich eine lebendige Beziehung zu ihm? Oder ist mein Glaube vor allem Tradition, Gewohnheit, religiöses Wissen? Diese Fragen sind nicht dazu da, Unsicherheit zu säen. Sie sollen vielmehr zur Klarheit führen. Denn Gott will, dass wir Gewissheit haben. Er will nicht, dass wir im Unklaren bleiben über unsere Beziehung zu ihm.
Doch genau hier stellt sich eine ganz einfache, aber tiefgehende Frage: Von welchem Jesus rede ich eigentlich? Rede ich von einem Jesus, den ich mir selbst zurechtgelegt habe – einem, der immer freundlich nickt, mich bestätigt, mich nie herausfordert und sich meinen Wünschen anpasst? Oder rede ich von dem Jesus der Bibel, der Menschen mit unendlicher Liebe begegnet und zugleich mit großer Klarheit vom Gericht, vom Zorn Gottes und vom Ernst der Nachfolge spricht?
Ein Jesus, der nur tröstet, aber nie korrigiert, ist ein Jesus nach meinen Wünschen. Ein Jesus, der nur fordert, aber nie trägt, ist ebenso ein verzerrtes Bild. Der echte, biblische Jesus ist der, der uns annimmt und zugleich unser Herz aufdeckt; der uns liebt und uns dennoch zur Umkehr ruft; der uns Frieden schenkt und uns trotzdem ein Kreuz in die Hand legt. Ihn zu kennen heißt, sich von seinem ganzen Wesen prägen zu lassen; nicht nur von den Teilen, die uns angenehm sind.
Der Apostel Johannes schreibt am Ende seines ersten Briefes: „Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes“ (1. Johannes 5,13). Gewissheit ist möglich. Aber sie gründet nicht auf unserem Wissen oder unseren Werken. Sie gründet auf Jesus und seinem Werk. Wer ihm vertraut, wer seine Sünde bekennt, wer sein Leben in Gottes Hand legt, der kann wissen: Ich gehöre zu ihm. Nicht weil ich so gut bin oder so viel weiß, sondern weil er mich kennt und geliebt hat.
Das ist die zentrale Botschaft: nicht, dass wir Gott kennen müssen, um gerettet zu werden, sondern dass Gott uns kennt und liebt. In diesem Kennen liegt unsere Hoffnung. Der Apostel Paulus schreibt: „Nun aber, da ihr Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid“ (Galater 4,9). Die entscheidende Wirklichkeit ist, dass Gott uns kennt.
Unsere Erkenntnis ist Antwort auf seine vorausgehende Liebe. Jesus sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Johannes 10,27). Er kennt die Seinen. Das ist unser Trost und unsere Sicherheit.
Dennoch bleibt die Frage: Kennen wir ihn? Nicht als Prüfungsfrage, sondern als Einladung. Denn Jesus will gekannt werden. Er ist nicht gekommen, um eine Religion zu gründen oder theologische Systeme aufzustellen. Er ist gekommen, um Beziehung zu ermöglichen. Er nennt seine Jünger Freunde, nicht Diener. Er spricht von einer Gemeinschaft, die tiefer geht als alle äußeren Formen. „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Johannes 17,3).
Ewiges Leben ist Erkenntnis Gottes, aber nicht im akademischen Sinn. Es ist die Erkenntnis, die aus Begegnung und Beziehung wächst.
Wie kommt man zu dieser Erkenntnis? Die Antwort ist einfach und doch herausfordernd: durch ehrliche Begegnung mit Jesus. Die Schrift zu lesen, nicht als Pflicht oder Routine, sondern als Gespräch mit ihm, wird zu einer Herzensangelegenheit, die unser Inneres wirklich berührt. Durch Gebet, das mehr ist als Worte sprechen, sondern Öffnung des Herzens. Durch ein Leben, das von ihm geprägt wird. Durch Gemeinschaft mit anderen, die ihn auch kennen. Durch die Bereitschaft, sich verändern zu lassen. Durch die Demut zu erkennen, dass alles Wissen nichts nützt, wenn die Beziehung fehlt.
Die Bibel zu kennen ist ein großes Geschenk. Sie zu besitzen ist eine Gnade. Sie ist Gottes Wort, sie trägt, sie richtet aus, sie schenkt Orientierung. Aber sie ist nicht das Ziel, sondern der Weg, der uns zu Jesus führt. Wenn wir bei den Seiten stehen bleiben, ohne zum Herzen Gottes vorzudringen, verpassen wir das Eigentliche. Wie traurig wäre es, ein Leben lang die Schrift zu studieren und am Ende zu hören: „Ich habe dich nie gekannt.“
Und wie unendlich tröstlich ist es dagegen, Jesus selbst zu begegnen, ihm das eigene Leben anzuvertrauen und zu wissen: Er kennt mich mit meinen Stärken, meinen Schwächen, meinen Brüchen; und er nennt mich sein. Dieser Unterschied verändert nicht nur unser Denken, sondern unser ganzes Leben.
Ihr Pater Berndt