Kirchensteuer: Wenn die Kirche am Geldtropf hängt und das Evangelium zur Verhandlungsmasse wird! Was wir erleben, ist eine existenzielle Krise, die weit über finanzielle Engpässe hinausgeht. Die Diagnose ist gestellt, und sie fällt ernüchternd aus. Die Kirche in Deutschland, ob in ihrer institutionellen Großform oder in ihrer freikirchlichen Ausprägung, liegt auf der Intensivstation.
Während die einen am Tropf der Kirchensteuer hängen und sich mit sinkenden Mitgliederzahlen konfrontiert sehen, kämpfen die anderen um die Gunst ihrer Spender, die den Geldhahn zudrehen, sobald die theologische oder politische Ausrichtung nicht mehr passt. Was wir erleben, ist eine existenzielle Krise, die weit über finanzielle Engpässe hinausgeht.
Es ist eine Krise der Identität, der Glaubwürdigkeit und der Abhängigkeit. Doch was sagt die Bibel über eine Kirche, die ihre Unabhängigkeit verloren hat und deren Botschaft zur Verhandlungsmasse geworden ist?
Die Situation erinnert an eine der eindringlichsten Warnungen Jesu im Neuen Testament. In Matthäus 6,24 heißt es: „Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Die Worte Jesu sind nicht nur eine moralische Ermahnung für den Einzelnen, sondern eine grundlegende Wahrheit für jede Gemeinschaft, die sich als Leib Christi versteht. Geld ist nicht von sich aus schlecht; aber es wird zum Problem, sobald es zum Maßstab wird. Wenn der Mammon bestimmt, wohin eine Kirche steuert, welche Botschaft betont und welche lieber verschwiegen wird, verliert sie ihre innere Freiheit.
Man könnte es so zusammenfassen: Wer dem Geld dient, kann nicht mehr frei Gott dienen. Genau hier liegt das Kernproblem der gegenwärtigen kirchlichen Krise. Wo finanzielle Abhängigkeiten das Evangelium zur Verhandlungsmasse machen, verliert die Kirche ihre geistliche Glaubwürdigkeit.
Die institutionellen Kirchen in Deutschland haben sich über Jahrzehnte in ein System eingefügt, das ihnen Sicherheit und Stabilität versprach. Die Kirchensteuer, direkt vom Staat eingezogen, füllte die Kassen und ermöglichte den Erhalt von Gebäuden, die Finanzierung sozialer Projekte und die Bezahlung hauptamtlicher Mitarbeiter. Doch diese Bequemlichkeit hatte ihren Preis. Sie führte zu einer schleichenden Anpassung, zu einer Verweltlichung, die das Prophetische der Kirche verstummen ließ.
Wenn der Staat die Gelder eintreibt, wenn die Kirche zur Quasi-Behörde wird, dann verliert sie ihre kritische Distanz, ihre Fähigkeit, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Die Propheten des Alten Testaments hätten hier klare Worte gefunden. Jesaja warnt in Jesaja 1,23: „Deine Führer – Aufrührer sind sie, die mit Dieben unter einer Decke stecken, scharf auf Geschenke und Bestechungsgeld! Aber den Waisen verhelfen sie nicht zu ihrem Recht und die Klagen der Witwen hören sie gar nicht erst an.“ Die Anklage gilt einer Führung, die sich von ihrem eigentlichen Auftrag hat ablenken lassen, die ihre Verantwortung gegenüber den Schwachen und Rechtlosen vergessen hat, weil sie in ein System verstrickt ist, das eigene Interessen bedient.
Und heute? Heute erleben wir eine Kirche, die sich in ideologischen Debatten verliert, die sich an gesellschaftliche Stimmungen anpasst wie ein Fähnchen im Wind. Statt prophetisch aufzustehen, schweigt sie dort, wo Unrecht geschieht – aus Angst, anzuecken, aus Sorge um öffentliche Zustimmung, aus Loyalität zu politischen Lagern. Manchmal wirkt es, als sei die Kirche mehr damit beschäftigt, nicht anzustoßen, als damit, das Evangelium zu verkünden.
Wo Ideologien den Ton angeben, wo moralische Empörung selektiv wird, wo Missstände nur dann benannt werden, wenn sie ins eigene Weltbild passen, da verliert die Kirche ihre geistliche Autorität. Eine Kirche, die sich selbst zensiert, um nicht anzuecken, ist keine Stimme mehr für die Witwen und Waisen unserer Zeit, sondern ein Echo der jeweiligen Mehrheitsmeinung.
Die Freikirchen wiederum stehen vor einem anderen, aber nicht weniger bedrohlichen Problem. Sie sind abhängig von der freiwilligen Großzügigkeit ihrer Mitglieder und Spender. Das klingt zunächst biblischer, näher am neutestamentlichen Modell, wo Gemeinden durch Gaben und Opfer getragen wurden. Doch auch hier lauert eine Gefahr.
Wenn Spender die Macht haben, durch ihre Zuwendungen oder deren Entzug die theologische Ausrichtung zu beeinflussen, wenn Pastoren und Leiter beginnen, ihre Botschaft so zu formulieren, dass sie niemandem wehtut, damit die Spenden weiter fließen, dann ist die Unabhängigkeit der Verkündigung genauso gefährdet wie in den Großkirchen. Es entsteht eine „Kunden-Theologie“, bei der die Gemeinde nicht mehr als Familie Gottes verstanden wird, sondern als Dienstleister, der die Erwartungen seiner Geldgeber erfüllen muss. „Die Wahrheit wird zur Ware, wenn der Preis stimmt“, könnte man diese Entwicklung beschreiben.
Paulus kannte diese Versuchung. In seinem zweiten Brief an die Korinther schreibt er in 2. Korinther 2,17: „Nun, wir machen jedenfalls keine Geschäfte mit der Botschaft von Gott wie viele andere. Wir reden völlig aufrichtig, und zwar so, als ob sie von Gott selber kommt. Dabei stehen wir vor Gott und sind mit Christus eins.“ Paulus grenzt sich bewusst ab von jenen, die das Evangelium zu einem Geschäft gemacht haben, die es verwässern, zurechtbiegen und verkaufen, um davon zu profitieren. Seine Verkündigung kommt aus Lauterkeit, aus einer tiefen Verbundenheit mit Christus, nicht aus dem Kalkül, Menschen zu gefallen oder sich finanziell abzusichern. Diese Lauterkeit, diese Unbestechlichkeit der Botschaft, ist das, was die Kirche heute dringend zurückgewinnen muss.
Die Bibel kennt zahlreiche Beispiele für Menschen und Gemeinschaften, die in die Falle der finanziellen Abhängigkeit und Korruption getappt sind. Einer der drastischsten Fälle findet sich in der Apostelgeschichte. In Apostelgeschichte 8,18-20 lesen wir über Simon, den Zauberer: „Als aber Simon sah, dass durch das Auflegen der Hände der Apostel der Geist gegeben wurde, brachte er ihnen Geld und sagte: Gebt auch mir diese Macht, dass der, dem ich die Hände auflege, den Heiligen Geist empfängt. Petrus aber sprach zu ihm: Dein Geld fahre mit dir ins Verderben, weil du gemeint hast, dass die Gabe Gottes durch Geld zu erlangen sei.“
Simon wollte das Wirken des Heiligen Geistes kaufen, wollte geistliche Vollmacht in eine handelbare Ware verwandeln. Petrus‘ Reaktion ist eindeutig und kompromisslos. Die Gaben Gottes, die Kraft des Evangeliums, sind nicht käuflich, nicht verhandelbar, nicht abhängig von finanziellen Transaktionen. „Gnade lässt sich nicht kaufen, und Wahrheit steht nicht zum Verkauf“, fasst Petrus‘ Antwort zusammen. Genau diese Haltung fehlt heute in vielen kirchlichen Strukturen, wo Entscheidungen zunehmend nach wirtschaftlichen Erwägungen getroffen werden.
Das Alte Testament warnt ebenfalls eindringlich vor der Macht des Geldes und der Korruption, die daraus erwachsen kann. In Micha 3,11 heißt es: „Seine Häupter sprechen Recht um Bestechungsgeld, und seine Priester unterweisen gegen Bezahlung, und seine Propheten wahrsagen um Geld. Und dabei stützen sie sich auf den HERRN und sagen: Ist nicht der HERR in unserer Mitte? Kein Unglück wird über uns kommen.“
Hier wird eine religiöse Elite beschrieben, die ihre Aufgabe verraten hat. Sie sprechen noch von Gott, berufen sich auf seine Gegenwart, aber ihre Motivation ist rein finanziell. Sie haben ihre Berufung zur Ware gemacht. Die Warnung ist klar. Eine Kirche, die nach außen fromm erscheint, sich aber innerlich dem Geld verkauft hat, steht unter Gottes Gericht. „Frömmigkeit wird zur Fassade, wenn das Herz dem Mammon gehört“, könnte man diese Anklage formulieren.
Was bedeutet das nun konkret für die Kirche heute? Die Lösung liegt nicht einfach darin, die Kirchensteuer abzuschaffen oder auf Spenden zu verzichten. Geld wird gebraucht, das ist eine bittere Realität. Nach dem Grundsatz: Mit leerem Beutel ist schlecht predigen. Die Frage ist vielmehr, wer oder was die Kirche regiert. Ist es der Geist Gottes, der durch sein Wort leitet, oder sind es finanzielle Notwendigkeiten und Abhängigkeiten?
Die Kirche muss wieder lernen, mit weniger auszukommen – nicht aus Askese, sondern aus geistlicher Klugheit. Denn manchmal ist der Preis für äußeren Wohlstand der Verlust von innerer Freiheit. Wenn sie ihre Unabhängigkeit und Integrität bewahren will, darf sie sich nicht von finanziellen Strukturen bestimmen lassen, sondern von dem Auftrag, den sie trägt. Jesus selbst lebte in radikaler Einfachheit.
In Lukas 9,58 sagt er: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ Jesus war nicht besitzlos, weil Armut an sich ein Wert wäre, sondern weil er ungebunden sein wollte, frei, um seinen Auftrag zu erfüllen. „Wer nichts besitzt, kann nicht durch Besitz gebunden werden“, könnte man diese Lebenshaltung zusammenfassen. Vielleicht muss die Kirche wieder lernen, arm zu sein, nicht aus Ideologie, sondern aus Notwendigkeit, um ihre Stimme zurückzugewinnen.
Und vielleicht muss sie auch lernen, wieder schlicht zu sein – selbst im Umgang mit ihrer festlichen Kleidung, so schön und kunstvoll sie sein mag. Denn wo liturgische Gewänder zu Insignien des Prestiges werden, wo Prachtentfaltung mehr Aufmerksamkeit erhält als das Evangelium, da verliert die Kirche ihre innere Mitte. Eine Kirche, die sich in Glanz hüllt, aber im Alltag schweigt, wirkt wie ein Schauspiel, das seine eigene Botschaft übertönt. Wahre Autorität entsteht nicht aus Brokat und Goldfäden, sondern aus der Demut, die bereit ist, sich klein zu machen, um groß im Dienst zu sein.
Vielleicht liegt genau darin die Zukunft der Kirche: weniger Zierde, mehr Wahrheit; weniger Inszenierung, mehr Mut; weniger Festlichkeit, mehr geistliche Klarheit. Paulus geht in seinem Brief an die Philipper noch einen Schritt weiter. In Philipper 4,11-13 schreibt er: „Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“
Paulus spricht hier von einer inneren Unabhängigkeit, die ihn fähig macht, sowohl in Mangel als auch in Fülle zu leben, ohne dass beides seine Identität oder seinen Auftrag bestimmt. Diese Haltung, die Paulus als „Zufriedenheit“ beschreibt, ist das Gegengift zur Abhängigkeit vom Mammon. „Wer in Christus zufrieden ist, wird nicht zum Sklaven der Umstände“, lässt sich diese Erkenntnis formulieren. Die Kirche braucht diese innere Freiheit dringend, um nicht mehr nach den Melodien der Zahlen und Bilanzen zu tanzen, sondern nach dem Willen Gottes.
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der in dieser Diskussion oft übersehen wird, ist die Frage der Rechenschaftspflicht. Geld ist nicht neutral, es kommt mit Erwartungen, mit Einfluss, mit der Forderung nach Mitsprache. Doch gegenüber wem ist die Kirche letztlich verantwortlich? Nicht gegenüber dem Staat, nicht gegenüber Spendern, nicht gegenüber öffentlicher Meinung, sondern gegenüber Gott allein. Paulus formuliert das in 1. Korinther 4,3-4 so: „ Aber was mich betrifft, ist es egal, ob ich von euch oder irgendeinem menschlichen Gericht beurteilt werde. Ich beurteile mich ja nicht einmal selbst. Zwar bin ich mir keiner Schuld bewusst, aber dadurch bin ich noch nicht gerecht gesprochen; der Herr ist es, der über mich urteilt.“
Diese Haltung macht unabhängig. Paulus lässt sich nicht von menschlichen Urteilen treiben, weil er weiß, dass sein eigentlicher Richter und Auftraggeber Christus ist. Wenn die Kirche diese Haltung wiedererlangt, wird sie frei, auch unbequeme Wahrheiten zu verkünden, auch dann zu handeln, wenn es Geld kostet, auch dann treu zu bleiben, wenn die Massen gehen.
Die gegenwärtige Krise ist also nicht nur eine finanzielle, sondern vor allem eine geistliche. Sie stellt die Frage nach der Identität und dem Auftrag der Kirche neu. Ist sie eine Institution, die sich selbst erhalten will, oder ist sie eine Bewegung, die der Herrschaft Christi dient? Ist sie abhängig von Strukturen und Systemen, oder ist sie verwurzelt im lebendigen Gott?
Jesus hat in der Bergpredigt eine radikale Perspektive angeboten. In Matthäus 6,33 sagt er: „Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden.“ Die Priorität ist klar gesetzt. Nicht die finanzielle Absicherung steht an erster Stelle, sondern das Reich Gottes. Und das Versprechen lautet, dass alles andere, auch das Materielle, folgen wird, wenn die Prioritäten stimmen. „Wer Gott an erste Stelle setzt, wird nicht im Stich gelassen“, könnte man diese Zusage verstehen. Die Kirche muss den Mut haben, diesem Versprechen zu vertrauen, auch wenn es bedeutet, alte Sicherheiten loszulassen.
Die Intensivstation, auf der die Kirche liegt, kann auch ein Ort der Umkehr und Erneuerung werden. Krisen haben die Kraft, Dinge offenzulegen, die im Verborgenen schlummerten. Sie zwingen zur Ehrlichkeit, zur Neuausrichtung, zur Rückbesinnung auf das Wesentliche. Die Frage ist nicht, ob die Kirche überleben wird, die Frage ist, als was sie überleben will.
Als angepasste Institution, die ihre Seele verkauft hat, oder als prophetische Gemeinschaft, die ihre Stimme wiederfindet. Die Wahl liegt bei uns, bei jedem Einzelnen, der sich zur Nachfolge Christi berufen weiß. Vielleicht ist das Ende der finanziellen Bequemlichkeit der Anfang einer geistlichen Erneuerung.
Vielleicht muss die Kirche erst am Tiefpunkt ankommen, um wieder aufzublicken und zu erkennen, dass ihre wahre Quelle nicht Kirchensteuern oder Spenden sind, sondern der lebendige Gott, der treu ist und bleibt, auch wenn alles andere zusammenbricht.
Ihr Pater Berndt