Wenn der Mensch über den Tod herrschen will!

Es gibt Wahrheiten, die der Mensch nur schwer erträgt. Eine davon ist die Tatsache, dass er sterblich ist. Seit dem ersten Atemzug bewegt sich jeder Mensch unaufhaltsam auf den letzten Atemzug zu. Doch gerade diese Wahrheit versucht unsere Zeit mit aller Kraft zu verdrängen.

Der Tod soll nicht mehr Tod sein dürfen. Er soll sich unseren Wünschen beugen, unseren Vorstellungen unterordnen und unserer Kontrolle gehorchen. Was einst als Grenze menschlicher Macht galt, wird heute zunehmend als ein Bereich betrachtet, den der Mensch selbst bestimmen und beherrschen möchte.

Darin offenbart sich eine der tiefsten Versuchungen des menschlichen Herzens.

Es ist jene alte Versuchung, die bereits im Garten Eden erklang: „Ihr werdet sein wie Gott“ (1.Mose 3,5). Der Mensch möchte nicht Geschöpf sein. Er möchte Schöpfer sein. Er möchte nicht empfangen, sondern verfügen.

Er möchte nicht vertrauen, sondern kontrollieren. Er möchte nicht vor Gott stehen, sondern an Gottes Stelle treten.

Diese Haltung zeigt sich in vielen Bereichen unserer Kultur. Wir planen unser Leben bis ins Detail. Wir berechnen Risiken, kontrollieren Entwicklungen und versuchen, möglichst jede Unsicherheit auszuschalten. Daran ist zunächst nichts Falsches. Verantwortung und Vorsorge gehören zum menschlichen Leben.

Doch irgendwann überschreitet das Herz eine unsichtbare Grenze. Aus verantwortlichem Handeln wird der Wunsch nach absoluter Kontrolle. Aus Weisheit wird Selbstüberschätzung. Aus Vertrauen auf Gott wird Vertrauen auf die eigene Macht.

Besonders deutlich wird dies im Umgang mit dem Tod. Der Tod ist der große Widerspruch gegen die Illusion menschlicher Allmacht. Er erinnert uns daran, dass unser Leben nicht uns selbst gehört.

Er erinnert uns daran, dass wir gekommen sind, ohne uns selbst geschaffen zu haben, und dass wir eines Tages gehen werden, ohne den Zeitpunkt letztlich selbst festlegen zu können. Der Tod sagt dem Menschen eine Wahrheit, die dieser nur schwer akzeptiert: Du bist nicht Gott.

Gerade deshalb wird der Tod heute vielfach bekämpft wie ein Feind, der um jeden Preis besiegt werden muss. Dabei geht es nicht nur um medizinischen Fortschritt oder den verständlichen Wunsch, Leiden zu lindern. Es geht tiefer.

Es geht um eine geistliche Haltung.

Der moderne Mensch möchte bestimmen, wann Leben beginnt, wann Leben beendet wird und welchen Wert Leben besitzt. Er möchte festlegen, welches Leben lebenswert erscheint und welches nicht. Immer häufiger erhebt sich der Anspruch, Herr über Leben und Tod zu sein.

Dabei fällt eine merkwürdige Widersprüchlichkeit auf. Der Tod darf den anderen treffen. Er darf den Nachbarn holen, den Fremden, den Gegner oder den Feind. Er darf die Menschen betreffen, die in den Nachrichten erscheinen oder deren Schicksal weit entfernt zu sein scheint.

Doch er soll vor der eigenen Tür stehen bleiben. Er soll uns verschonen. Er soll unsere Pläne nicht stören und unsere Sicherheit nicht infrage stellen.

Der Mensch akzeptiert den Tod oft als Ereignis, solange er die anderen betrifft. Doch wenn er selbst betroffen ist, beginnt der Kampf gegen die unangenehme Wahrheit der eigenen Vergänglichkeit.

Diese Verdrängung hat geistliche Folgen. Wer den Tod aus seinem Denken verbannt, verliert oft auch den Blick für die Ewigkeit. Wer die Endlichkeit seines Lebens nicht mehr bedenkt, verliert leicht die Frage nach Gott.

Der Tod erinnert uns daran, dass wir Rechenschaft ablegen werden. Er erinnert uns daran, dass unser Leben nicht ziellos verläuft. Er erinnert uns an die Ewigkeit, die Gott in das Herz des Menschen gelegt hat.

In Römer 14,12 heißt es: „So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“ Paulus betont hier, dass kein Mensch sich der persönlichen Verantwortung vor Gott entziehen kann.

In Hebräer 9,27 lesen wir: „Und wie es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht…“ Diese Stelle verknüpft die Endlichkeit des Lebens direkt mit der anschließenden Verantwortung vor Gottes Gericht.

Dann lesen wir in 2. Korinther 5,10: „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder empfange, was er durch den Leib getan hat, es sei gut oder böse.“ Hier wird verdeutlicht, dass das irdische Handeln („durch den Leib getan“) die Grundlage für die Bilanz im Jenseits ist.

Und Jesus selbst sagt in Matthäus 12,36: „Ich sage euch aber, dass die Menschen am Tag des Gerichts Rechenschaft geben müssen von jedem unnützen Wort, das sie geredet haben.“ Jesus schärft hier das Bewusstsein dafür, dass selbst scheinbare Kleinigkeiten wie unsere Worte ein Gewicht haben.

Vielleicht liegt darin einer der Gründe, warum unsere Gesellschaft den Gedanken an den Tod so sehr vermeidet. Die Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit zwingt uns zur Auseinandersetzung mit Gott.

Wer ehrlich über den Tod nachdenkt, beginnt früher oder später nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Woher komme ich? Warum bin ich hier? Wohin gehe ich? Diese Fragen lassen sich nicht dauerhaft durch Ablenkung zum Schweigen bringen.

Sie kehren immer wieder zurück, weil sie zum Menschsein gehören.

Ein weiterer Grund könnte darin liegen, dass der Gedanke an den Tod uns unausweichlich mit der Frage nach dem Gericht Gottes konfrontiert.

Solange der Mensch den Tod verdrängt, kann er auch die Frage nach der Verantwortung verdrängen. Wenn aber der Tod nicht das Ende aller Dinge ist, wenn hinter dem letzten Atemzug tatsächlich ein lebendiger und heiliger Gott steht, dann erhält unser ganzes Leben ein anderes Gewicht.

Dann sind unsere Gedanken, Worte und Werke nicht bedeutungslose Ereignisse, die im Nichts verschwinden, sondern sie stehen vor den Augen dessen, der alles sieht und alles kennt.

Die Vorstellung, einst vor Gott Rechenschaft abzulegen, widerspricht dem Wunsch des autonomen Menschen, nur sich selbst verpflichtet zu sein. Vielleicht bekämpfen wir deshalb den Tod nicht nur aus Angst vor dem Sterben, sondern auch aus Angst vor dem, was danach kommen könnte.

Denn der Tod erinnert uns daran, dass wir nicht die letzten Richter über unser Leben sind. Er verweist auf den Tag, an dem nicht wir über Gott urteilen werden, sondern Gott über uns. Doch selbst diese Wahrheit verkündet die Heilige Schrift nicht, um uns in Verzweiflung zu stürzen, sondern um uns zur Umkehr zu rufen.

Denn derselbe Gott, vor dessen Gericht wir stehen werden, ist auch der Gott, der uns in Christus seine Gnade, Vergebung und Rettung anbietet. Wer sich heute vor ihm beugt, braucht den morgigen Tag nicht zu fürchten.

Die Heilige Schrift begegnet dem Tod mit bemerkenswerter Nüchternheit. Sie verklärt ihn nicht. Sie nennt ihn einen Feind. Der Tod gehört nicht zur ursprünglichen guten Schöpfung Gottes. Er ist eine Folge der Sünde und des Bruchs zwischen Gott und Mensch. Dennoch begegnet die Bibel dem Tod nicht mit Panik. Sie fordert uns nicht auf, vor ihm davonzulaufen.

Vielmehr lädt sie uns ein, ihn im Licht Gottes zu betrachten.

Der Christ lebt weder in Todessehnsucht noch in Todesangst. Er lebt in Hoffnung. Diese Hoffnung gründet nicht auf menschlichen Träumen oder psychologischer Selbstberuhigung.

Sie gründet auf Jesus Christus, der den Tod durch seinen eigenen Tod und seine Auferstehung überwunden hat. Das Evangelium verkündet nicht die Abschaffung des Sterbens, sondern den Sieg über die Macht des Todes.

Christen sterben wie alle Menschen. Aber sie sterben nicht ohne Hoffnung.

Gerade hier offenbart sich der Unterschied zwischen göttlicher Herrschaft und menschlichem Herrschaftswillen.

Der Mensch möchte den Tod kontrollieren. Christus hat ihn besiegt. Der Mensch möchte bestimmen. Christus vertraute sich dem Vater an.

Der Mensch klammert sich an seine Macht. Christus entäußerte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Dort, wo der Mensch groß sein will, wird Christus klein.

Dort, wo der Mensch herrschen will, dient Christus. Dort, wo der Mensch Gott sein möchte, offenbart Christus, was wahre Sohnschaft bedeutet.

Es ist bemerkenswert, dass diejenigen, die am lautesten von menschlicher Autonomie sprechen, oft dieselben sind, die an den Grenzen menschlicher Möglichkeiten verzweifeln.

Denn die Wahrheit bleibt bestehen: Kein Mensch kann sein Leben auch nur einen einzigen Tag verlängern, wenn Gott ihn ruft. Kein Mensch kann den Tod endgültig besiegen.

Keine Wissenschaft, keine Ideologie und keine technische Entwicklung wird jemals die tiefste Not des Menschen beseitigen können, nämlich seine Trennung von Gott.

Dabei lohnt ein ehrlicher Blick auf die Geschichte.

Die Menschheit verfügt heute über Wissen und Möglichkeiten wie keine Generation zuvor. Dennoch sind Krieg, Gewalt, Hass, Unterdrückung und Egoismus nicht verschwunden. Noch immer fließt Blut auf dieser Erde.

Noch immer zerstören Menschen einander. Noch immer gelingt es uns nicht, dauerhaften Frieden zu schaffen. Der Mensch, der nicht einmal sein eigenes Herz vollkommen beherrschen kann, erhebt den Anspruch, Herr über Leben und Tod zu sein.

Darin liegt eine Tragik, die zugleich erschreckend und ernüchternd ist.

Doch die Antwort des Evangeliums besteht nicht in Verachtung oder Überheblichkeit. Christen sind nicht dazu berufen, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Jeder Mensch trägt dieselbe Versuchung im Herzen. Jede Sünde ist letztlich der Versuch, sich selbst auf den Thron zu setzen.

Darum beginnt die Umkehr nicht bei den Fehlern der Welt, sondern bei der eigenen Demut vor Gott. Vielleicht müssen wir neu lernen, unsere Grenzen anzunehmen. Nicht als Niederlage, sondern als Wahrheit. Nicht als Fluch, sondern als Einladung.

Unsere Sterblichkeit erinnert uns daran, dass wir Geschöpfe sind. Sie erinnert uns daran, dass wir Gott brauchen. Sie erinnert uns daran, dass wir unser Leben nicht selbst erschaffen haben und es daher auch nicht selbst besitzen.

Der Tod wird dadurch nicht weniger schmerzhaft. Der Verlust geliebter Menschen bleibt schwer. Tränen bleiben Tränen. Abschiede bleiben Abschiede.

Doch inmitten dieser Wirklichkeit gibt es eine Hoffnung, die weiter reicht als das Grab. Christus spricht nicht von einer Flucht vor dem Tod, sondern von einem Weg durch den Tod hindurch.

Wer ihm vertraut, darf wissen, dass das Grab nicht das letzte Wort besitzt.

Vielleicht ist gerade das die größte Provokation unserer Zeit: Nicht dass der Mensch sterben muss, sondern dass er akzeptieren soll, nicht Gott zu sein.

Doch genau in dieser Demut beginnt die Freiheit. Wer aufhört, Gott sein zu wollen, findet Frieden. Wer seine Begrenztheit annimmt, entdeckt die Größe Gottes.

Wer sein Leben aus Gottes Hand empfängt, muss es nicht krampfhaft festhalten. Und wer Christus kennt, kann selbst dem Tod ins Angesicht sehen, nicht weil er stark wäre, sondern weil der auferstandene Herr stärker ist als der Tod.

Der Tod soll nicht mehr Tod sein dürfen.

Das ist eine der großen Tragödien der Gottlosigkeit unserer Zeit. Weil der Mensch Gott aus seinem Denken verdrängt hat, versucht er nun auch die letzte Erinnerung an seine Geschöpflichkeit zu verdrängen.

Der Tod stört die Illusion grenzenloser Selbstbestimmung. Er erinnert uns daran, dass wir nicht Herren unseres Daseins sind, sondern Empfangende. Deshalb wird alles darangesetzt, seine Wirklichkeit zu verschleiern, ihn umzudeuten oder aus dem Bewusstsein zu verbannen.

Doch der Tod bleibt, was er ist: die unbestechliche Grenze menschlicher Macht.

Wer den Tod nicht mehr Tod sein lassen will, führt letztlich einen aussichtslosen Kampf gegen die Wahrheit des eigenen Menschseins.

Erst wenn wir den Mut finden, unsere Sterblichkeit anzunehmen, werden wir wieder offen für die Erkenntnis, dass wir Gott brauchen.

Denn nicht die Verdrängung des Todes führt zum Leben, sondern die Hinwendung zu dem, der von sich sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ (Johannes 11,25)