Die Nachrichten überschlagen sich. Menschen legen Blumen nieder, schreiben bewegende Worte, senden Beileidsbekundungen.
Der plötzliche Tod von Hubert Aiwanger hat viele erschüttert. Und das ist verständlich. Der Tod eines Menschen ist niemals belanglos. Er reißt eine Lücke, hinterlässt Fragen und erinnert uns daran, wie zerbrechlich unser eigenes Leben ist. Wer trauert, verdient Respekt. Wer weint, braucht keinen Widerspruch, sondern Mitgefühl.
Dennoch offenbart die öffentliche Trauer unserer Zeit oft etwas Merkwürdiges.
Kaum ist ein Mensch gestorben, verändert sich das Bild, das von ihm gezeichnet wird. Kritik verstummt. Fehler werden ausgeblendet. Gegensätze lösen sich auf.
Aus einem Menschen aus Fleisch und Blut wird beinahe eine makellose Gestalt. Besonders bei öffentlichen Persönlichkeiten geschieht dies immer wieder. Menschen, die gestern noch verspottet, bekämpft oder belächelt wurden, erscheinen plötzlich in einem Licht, das kaum noch Raum für ihre Menschlichkeit lässt.
Auch Hubert Aiwanger hat dies auf seine Weise erfahren. Als Politiker war er umstritten. Manche schätzten ihn, andere lehnten ihn entschieden ab. Sein bayerischer Dialekt wurde Gegenstand von Spott. Seine direkte und einfache Ausdrucksweise galt vielen als Zeichen mangelnder Bildung oder Provinzialität.
Nicht wenige begegneten ihm mit Überheblichkeit. Nun aber scheint mancher Bericht einen völlig anderen Menschen zu zeichnen. Fast entsteht der Eindruck, als gäbe es nur noch Bewunderung, als sei jeder kritische Gedanke unangemessen geworden.
Dabei ist das eigentliche Problem nicht die Wertschätzung eines Verstorbenen. Es ist gut, das Gute zu würdigen. Es ist richtig, dankbar auf das zu schauen, was ein Mensch geleistet hat.
Die Frage ist vielmehr, warum unsere Gesellschaft so oft dazu neigt, Verstorbene zu idealisieren. Warum fällt es uns schwer, Menschen als das zu sehen, was sie waren: Geschöpfe Gottes, mit Stärken und Schwächen, mit Licht und Schatten?
Vielleicht liegt die Antwort tiefer, als wir zunächst vermuten. Vielleicht hat sie mit unserer Haltung zum Tod selbst zu tun.
Wir leben in einer Zeit, die den Tod weitgehend aus ihrem Blickfeld verdrängt hat.
Medizinischer Fortschritt, Wohlstand und moderne Lebensentwürfe vermitteln uns das Gefühl, unser Dasein kontrollieren zu können. Wir planen Jahre im Voraus. Wir sichern uns gegen Risiken ab. Wir gestalten Lebensläufe und Karrieren.
Alles soll beherrschbar sein. Der Tod aber entzieht sich jeder Kontrolle. Er fragt nicht nach unseren Plänen. Er wartet nicht auf den günstigen Zeitpunkt. Er erinnert uns daran, dass wir Geschöpfe und nicht Schöpfer sind.
Gerade deshalb erschreckt er uns so sehr.
Ein Kommentator schrieb sinngemäß: „Der Tod gehört nicht zum Leben.“ Dieser Satz mag auf den ersten Blick verständlich erscheinen. Niemand empfindet den Tod als etwas Schönes. Niemand wünscht sich sein Kommen.
Und doch offenbart diese Aussage eine tiefgreifende Selbsttäuschung. Der Tod gehört sehr wohl zu unserem Leben. Nicht als sein Ziel, nicht als seine Erfüllung, aber als seine unausweichliche Wirklichkeit.
Vom ersten Atemzug an bewegen wir uns auf den letzten zu. Jeder Tag unseres Lebens ist zugleich ein Tag näher an unserem Sterben.
Diese Wahrheit mag unbequem sein, aber sie bleibt wahr, unabhängig davon, ob wir sie akzeptieren oder verdrängen.
Die Heilige Schrift spricht nüchtern darüber. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ betet Mose im 90. Psalm.
Die Bibel fordert uns nicht dazu auf, den Tod zu verdrängen. Sie lädt uns ein, ihn zu bedenken. Nicht um in Angst zu leben, sondern um weise zu werden.
Wer um seine Vergänglichkeit weiß, lernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.
Wer sein Ende bedenkt, wird vorsichtiger mit Stolz, Ehrgeiz und Eitelkeit umgehen. Vielleicht liegt hier ein Grund, warum moderne Menschen so oft dazu neigen, Verstorbene zu verklären.
Solange wir den Tod nicht ansehen wollen, können wir auch die Botschaft nicht hören, die er uns bringt.
Der Tod sagt uns: Du bist nicht Gott. Du bist sterblich. Deine Zeit ist begrenzt. Dein Leben liegt nicht in deiner Hand.
Das aber widerspricht dem Selbstverständnis unserer Kultur. Wir möchten stark sein. Erfolgreich. Unabhängig. Selbstbestimmt. Der Tod durchkreuzt all diese Vorstellungen. Er entlarvt jede Illusion von Selbstgenügsamkeit. Vor ihm stehen der Mächtige und der Ohnmächtige, der Reiche und der Arme, der Gelehrte und der Einfache auf derselben Ebene.
Vielleicht erhebt man deshalb den Verstorbenen nach seinem Tod. Vielleicht versucht man unbewusst, die eigene Angst vor der Vergänglichkeit zu überdecken.
Wenn ein Mensch zu einer nahezu überhöhten Gestalt wird, muss man sich weniger mit der erschütternden Wirklichkeit seines Endes auseinandersetzen. Dann spricht man lieber von Vermächtnissen als von Sterblichkeit, lieber von Größe als von Vergänglichkeit.
Doch die christliche Sicht geht einen anderen Weg. Das Evangelium macht aus Menschen keine Götter. Es macht sie auch nicht zu Helden ohne Fehler. Die Bibel schildert ihre Gestalten erstaunlich ehrlich.
Abraham glaubte und zweifelte. Mose führte das Volk und versagte. David war König und Sünder zugleich. Petrus bekannte Christus und verleugnete ihn später.
Die Heilige Schrift kennt keine makellosen Menschen. Sie kennt nur Menschen, die auf Gottes Gnade angewiesen sind.
Das ist eine befreiende Wahrheit. Denn sie bewahrt uns vor zwei Irrtümern. Der erste besteht darin, Menschen zu vergöttern. Der zweite darin, sie zu verdammen.
Beide Haltungen verfehlen die Wahrheit. Der Mensch ist weder Gott noch Teufel. Er ist ein Geschöpf Gottes, gefallen und zugleich von Gott geliebt.
Wenn wir auf einen Verstorbenen blicken, sollten wir deshalb weder ein Denkmal errichten noch ein Tribunal eröffnen.
Wir dürfen dankbar für das Gute sein. Wir dürfen das Schwierige und Problematische nicht verschweigen. Vor allem aber sollten wir erkennen, dass sein Tod auch uns betrifft. Jeder Nachruf ist letztlich eine stille Predigt an die Lebenden.
Wenn wir die Nachricht vom Tod eines bekannten Menschen hören, stellen wir uns oft die Frage: Warum gerade er? Vielleicht sollten wir häufiger fragen: Was sagt dieses Ereignis mir? Es erinnert mich daran, dass meine Tage gezählt sind.
Es erinnert mich daran, dass alles Sichtbare vergeht. Es erinnert mich daran, dass kein Amt, kein Besitz und keine Bekanntheit mich vor dem Tod bewahren können.
Und genau hier öffnet sich die Tür zur eigentlichen Hoffnung des Christen. Der christliche Glaube verdrängt den Tod nicht. Er schaut ihm ins Gesicht. Er nennt ihn einen Feind. Aber er verkündet zugleich, dass dieser Feind nicht das letzte Wort hat.
Jesus Christus ist nicht gekommen, um den Tod zu verharmlosen, sondern um ihn zu besiegen. Sein Kreuz zeigt den ganzen Ernst unserer Vergänglichkeit. Seine Auferstehung zeigt Gottes Antwort darauf.
Darum müssen Christen weder in Verzweiflung noch in Verdrängung leben. Sie dürfen die Wirklichkeit des Todes ernst nehmen und zugleich auf das ewige Leben hoffen. Sie müssen Verstorbene nicht vergöttlichen, weil sie wissen, dass jeder Mensch Erlösung braucht. Sie müssen den Tod nicht leugnen, weil sie einen Herrn kennen, der stärker ist als das Grab.
Vielleicht wäre unserer Gesellschaft schon viel geholfen, wenn sie wieder lernen würde, über Sterben und Ewigkeit nachzudenken. Nicht oberflächlich, nicht sensationsgierig, sondern ehrlich.
Wer den Tod verdrängt, wird nie wirklich verstehen, was Leben bedeutet. Wer seine Vergänglichkeit verleugnet, wird die Kostbarkeit jedes Tages übersehen.
Der Tod von Hubert Aiwanger mag viele Menschen erschüttern. Das ist verständlich. Doch vielleicht sollte die tiefste Wirkung dieser Nachricht nicht darin bestehen, einen Menschen auf ein Podest zu stellen.
Vielleicht sollte sie uns dazu bringen, still zu werden. Nachdenklich zu werden. Uns daran zu erinnern, dass auch unser eigenes Leben begrenzt ist.
Dann würde Trauer nicht zum Personenkult werden. Sie würde zu einem Spiegel werden. Einem Spiegel, in dem wir unsere eigene Vergänglichkeit erkennen und zugleich neu nach dem fragen, der allein unvergänglich ist.
Denn am Ende besteht die größte Würde eines Menschen nicht darin, dass die Welt ihn feiert. Sie besteht darin, dass Gott ihn kennt.
Und die größte Hoffnung des Menschen liegt nicht in seinem Nachruhm, sondern in der Gnade dessen, der spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Johannes 11,25).